„Das ist kein Verdienst, sondern eine Verantwortung.“

Stéphane Hessel, Autor des Buches „Empört euch!“ starb 95-jährig 2012, ein unbestechlicher Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts

Hessel, 1917 in Berlin geboren, emigrierte vor dem 2.Weltkrieg nach Frankreich und wurde Franzose. Überlebte in Buchenwald und arbeitete danach an der UNO-Menschrechtserklärung mit. Erst im 21.Jahrhundert 2009 schrieb er seinen Essay „Empört euch!“. Es wurden mehr als vier Millionen Exemplare in 100 Ländern veröffentlicht.

Er traf damit den Nerv der Zeit. Er prangerte eine Entwicklung an, in der nicht mehr das Allgemeininteresse, sondern die Finanzordnung dominiert. Von der Höhe seines Alters erinnerte Hessel daran, dass in Frankreich der Résistance-Anführer Charles de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg die Banken verstaatlicht habe, um die Sozialversicherung zu finanzieren. Heute folge die soziale Demokratie den Vorgaben des Kapitals: „Die Macht des Geldes war noch nie so groß, anmaßend und egoistisch wie heute“, heißt es in dem Bestseller. Seit der Jahrtausendwende finde eine rasante und umfassende soziale, politische und gesellschaftliche Regression statt.

In einem Interview mit dem Standard meinte er 2011 zur Frage, wie man sich als 94-Jähriger fühle, wenn man soeben eine weltweite Sozialbewegung losgetreten habe: „Das ist kein Verdienst, sondern eine Verantwortung.“ Er habe nur in Worte gefasst, was Millionen von Menschen seit langem dächten. Hessel wollte das System nicht aufbrechen, sondern von innen her ändern. „Der Staat muss eingreifen, auch in die Banken. Wir brauchen mehr, nicht weniger Regulierung. Nötig wäre ein gesamthaft neuer Ansatz, wie Roosevelts New Deal ab 1933“, fügte der alte Mann an. Vor einem Jahr unterzeichnete Hessel in Paris als einer der ersten das Manifest „Roosevelt2012“, das politisch zwischen der Sozialistischen und der Grünen Partei angesiedelt ist.